Hypnose, ein anerkanntes Verfahren?
Allzu leichtfertig wird im Internet von vielen Anbietern mit der Behauptung um sich geworfen, Hypnose sei ein anerkanntes Verfahren. Dem Fachmann ist schnell klar: Es handelt sich hier um ein typisches hypnotisches Sprachmuster, das zu Werbezwecken eingesetzt wird (unter anderem eine grobe Verallgemeinerung). Eigentlich muss die Frage (oder Antwort) nämlich immer heißen: Anerkannt von wem? Und anerkannt wo genau? In welchem Rahmen? Zu welchem Zweck und so weiter!
Lassen Sie uns also im Folgenden ein wenig differenzieren und spezifizieren und uns die Situation speziell in Deutschland anschauen.
(Lesen Sie hierzu auch unseren Artikel "Anerkennungen" von Ausbildungen in Hypnose/Hypnotherapie.)
Die Wahrheit ist: Hypnose ist ganz und gar nicht generell anerkannt! - Selbst in der medizinischen und psychologischen Fachwelt nicht! Die gesetzlichen Krankenkassen, zum Beispiel, akzeptieren trotz vielfacher wissenschaftlicher Beweise ihrer Wirksamkeit, die klinische Hypnose als psychotherapeutisches Verfahren noch immer nicht! (Siehe auch "Anerkennungen").
Professor Revenstorf
Im M.E.G.A.P.H.O.N, dem Newsletter der Milton Erickson Geselltschaft (MEG) - Nr. 39, 2006, berichtet Prof. Dr. Dirk Revenstorf über den Stand der Anerkennung der Hypnotherapie (klinische, therapeutische Hypnose) als therapeutisches Verfahren.
Nach einer Expertise einer Arbeitsgemeinschaft unter der Leitung von Prof. Bongartz an der Universität Konstanz lagen bis 2001 bereits für folgende Störungsgebiete wissenschaftliche Belege über die Wirksamkeit hypnotherapeutischer Verfahren vor:
Phobien
Belastungsstörungen
Übergewicht
Schlafstörungen
Psychosomatik bzw. somatoforme Störungen
Sexualstörungen
Akute und chronische Schmerzen
Tabakabusus
Enuresis
Daneben gibt es eine Liste weiterer wirksamer Bereiche, für die aber leider bisher empirisch belegte Studien fehlen. Dies sind zum Beispiel:
Depression, Panik, Zwänge, dissoziative Störungen, Tinnitus, Bulimie, Störungen des Sozialverhaltens, sexuelle Präferenzstörungen sowie Rehabilitationen nach Infarkt und Insult.
Ein Gutachten zur Anerkennung der Hypnotherapie durch den wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) ergab als derzeitiges Ergebnis die wissenschaftliche Anerkennung der Hypnose für die Behandlung von psychischen und sozialen Faktoren bei somatischen Krankheiten sowie Substanzmissbrauch. Somatische Störungen mit psychischer Beteiligung (z.B. eine große Zahl von Schmerzthemen) zählen demnach ebenso wie Tabakmissbrauch zur anerkannten Indikation der Hypnotherapie.
Prof. Revenstorf hat ein Forschungsvorhaben ins Leben gerufen, um den Bedarf der Methode aus Sicht der Patienten zu erforschen ("Therapiemotivation zur Hypnotherapie"). Interessierte Hypnotherapeuten sind eingeladen mit ihren Patienten an dem Projekt teilzunehmen.
Weitere Informationen gibt es auf der Webseite der Milton Erickson Gesellschaft Tübingen (meg-tuebingen.de). Den gesamten Artikel von Prof. Revenstorf unter: http://www.meg-tuebingen.de/1-hypnose-wissenschaft.htm
Wissenschftlicher Beirat Psychotherapie
Wie sieht es mit dem Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (nach § 11 des Psychotherapeutengesetzes - PsychThG) aus? Ist von ihm die klinische Hypnose/Hypnotherapie in Deutschland anerkannt?
Nicht "per se" und in jedem Fall!
Hier die Zusammenfassung eines Gutachtens des Beirates vom 27. März 2006:
"Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie stellt zusammenfassend fest, dass die Hypnotherapie bei Erwachsenen für Behandlungen in folgenden Anwendungsbereichen als wissenschaftlich anerkannt gelten kann: Psychische und soziale Faktoren bei somatischen Krankheiten sowie Abhängigkeit und Missbrauch (Belege liegen lediglich für Raucherentwöhnung und Methadonentzug vor).
Die Hypnotherapie kann nicht als Verfahren für die vertiefte Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten entsprechend § 1 Abs. 1 der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Psychologische Psychotherapeuten empfohlen werden, da sie nicht für die geforderte Mindestzahl von fünf der 12 Anwendungsbereiche der Psychotherapie bei Erwachsenen des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie bzw. für mindestens vier der acht klassischen Anwendungsbereiche als wissenschaftlich anerkannt gelten kann.
Bei Kindern und Jugendlichen kann für keinen Anwendungsbereich der Psychotherapie die wissenschaftliche Anerkennung festgestellt werden. Die kurzfristige Wirksamkeit der Hypnotherapie bei Kindern und Jugendlichen zur besseren Bewältigung von Chemotherapien bei Krebserkrankungen und weiteren belastenden medizinischen Interventionen ist jedoch belegt.
Die Hypnotherapie kann nicht als Verfahren für die vertiefte Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten entsprechend § 1 Abs. 1 der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten empfohlen werden, da sie nicht für die geforderte Mindestzahl von vier der acht Anwendungsbereiche der Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie bzw. für mindestens drei der fünf klassischen Anwendungsbereiche als wissenschaftlich anerkannt gelten kann."
Unsere Meinung: die moderne Hypnotherapie hat ihre Anerkennung verdient, denn sie kann sehr viel mehr! Aber bisher allgemein anerkannt - ganz und gar nicht!